Mittwoch, 11. Juli 2012

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Dienstag, 26. Juni 2012

Bonsai, 120626



Alles ist wie immer, es ist heiß. Irgendwo tobt ein Kater, der von niemandem Lerno genannt wird. Das Gestrüpp wütet, die Kirche ragt in den Himmel.



Montag, 16. April 2012

Hand- und Hausarbeit 6: Der desktruktive Charakter


Egal wie oft ich sie lese, Texte von Walter Benjamin gefallen mir immer wieder und immer wieder, wenn ich sie lese, verstehe ich darin nichts. Die unerledigte Arbeit konzentriert sich nunmehr insbesondere auf einen Raum, das ist die Küche. Ich bin in Kontakt mit Möbelmenschen, die Pläne und Skizzen für neue schicke Küchen entwerfen im Stil „modern“.
Die Fliesen an der Wand der Küche, dem Raum in dem sich die Arbeit künftig konzentrieren wird, sind dick und alt, nicht weiter schlimm, allerdings auch – im Weg. Wenn eine neue Küche in den Raum der alten Küche kommen soll, müssen die Fliesen von der Wand entfernt werden. „Zerschlagen!“ oder etwas der Art hat K. gerufen. Der destruktive Charakter von W. Benjamin fällt mir ein:

Der destruktive Charakter kennt nur eine Parole: Platz schaffen; nur eine Tätigkeit: räumen. Sein Bedürfnis nach frischer Luft und freiem Raum ist stärker als jeder Haß.

YouTube hat mir in diesem Fall nicht geholfen, nur Leute mit komplizierten elektrischen Werkzeugen, das habe ich nicht, außerdem „sind das ja nur ein paar Fliesen“, wie ich immer wieder gesagt habe. Handarbeit, und immerhin: Walter Benajmin.

Ich verwendete:
  • Einen Hammer – der mittelgroßen Sorte / kein Hämmerchen und nicht den vorstellbar größten Hammer; auf Englisch könnte man dem Hammer schon den brachialen Namen sledge hammer geben, aber ich kann ihn immer noch mit einer Hand halten.

  • Mehrere Stemmeisen – ein kurzes, und zwei lange (NB: ich dachte, man macht das mit einem Brecheisen, stimmt nicht! mit einem Stemmeisen. das ist ein Stück Metall, mit einem stumpfen und einem spitzen Ende; das kurze ist etwa 20 cm lang, das lange etwa 40 cm)

Das spitze Ende des Stemmeisens wird an die Kante einer äußeren Fliese zur Wand angelegt und dann mit dem Hammer auf das stumpfe Ende geschlagen. – eigentlich klar. Wie bei der Malerrolle muss auch hier mit Kraft gearbeitet werden. D.h. mit der linken Hand gegen die Kante der Fliese drücken, mit dem Hammer nicht nur Geräusche machen, sondern draufschlagen.
Man macht es richtig, wenn es einem Staub und Splitter ins Gesicht und Haare schleudert.

Der destruktive Charakter ist jung und heiter. Denn Zerstören verjüngt, weil es die Spuren unseres eigenen Alters aus dem Weg räumt; es heitert auf, weil jedes Wegschaffen dem Zerstörenden eine vollkommene Reduktion, ja Radizierung seines eignen Zustands bedeutet. Zu solchem apollinischen Zerstörerbilde führt erst recht die Einsicht, wie ungeheuer sich die Welt vereinfacht, wenn sie auf ihre Zerstörungswürdigkeit geprüft wird. Dies ist das große Band, das alles Bestehende einträchtig umschlingt. Das ist ein Anblick, der dem destruktiven Charakter ein Schauspiel tiefster Harmonie verschafft.


Das Problem bei den Fliesen war, dass die Fliesen in den 70er-Jahren nicht mit Kleber an die Wand montiert worden sind, sondern mit Beton auf den Ziegel. Und der Beton löst sich vom Ziegel wesentlich leichter als die Fliese vom Beton. Nach etwa 25 abgeschlagenen Fliesen löste sich ein halber Meter Beton einige Zentimeter von der Ziegelwand – neugierig hab ich daran gezogen und gemerkt, dass man so die ganze Betonmasse samt Fliesen von der Ziegelwand ablösen könnte.


Der destruktive Charakter ist immer frisch bei der Arbeit. Die Natur ist es, die ihm das Tempo vorschreibt, indirekt wenigstens: denn er muß ihr zuvorkommen. Sonst wird sie selber die Zerstörung übernehmen.

Vermutet und getan: Das lange Stemmeisen kann zwischen Beton und Ziegel geschlagen werden und irgendwann kracht die ganze Misere von der Wand herunter.
Besser übrigens Sie hämmern nicht, wenn andere Leute schlafen wollen und besser übrigens, sie schließen die Türen zum Raum. Lärm und Staub im verschwenderischen Überfluss.

Dem destruktiven Charakter schwebt kein Bild vor. Er hat wenig Bedürfnisse, und das wäre sein geringstes: zu wissen, was an Stelle des Zerstörten tritt. Zunächst, für einen Augenblick zumindest, der leere Raum, der Platz, wo das Ding gestanden, das Opfer gelebt hat. Es wird sich schon einer finden, der ihn braucht, ohne ihn einzunehmen.

Keine Tips kann ich zu den Fliesen in den Ecken geben. Immer wieder hämmern, mit dem Stemmeisen von dieser Seite, von einer anderen, das Stemmeisen in diesen Winkel fest andrücken und daraufschlagen, neu ansetzen, das Stemmeisen in jenen Winkel fest andrücken und daraufschlagen. Darauf achten, dass die Ziegel nicht kaputtgeschlagen werden. Immer wieder hämmern und neu ansetzen.

Der destruktive Charakter tut seine Arbeit, er vermeidet nur schöpferische. So wie der Schöpfer Einsamkeit sich sucht, muß der Zerstörende fortdauernd sich mit Leuten, mit Zeugen seiner Wirksamkeit umgeben.

Ob das Fliesenabschlagen eine Aufgabe für den destruktiven Charakter wäre? Ich weiß es nicht, weil ich den Text nicht verstehe. Das Bild, das mir vor Augen schwebt, mir schweben ja dauernd Bilder vor Augen, ist bereits hinter – also nach den unablässig, mit vor die Füße geschleuderten Trümmern der Fliesen: Die abgerissene Kante, die irgendwie (wie?) wohl wieder zu einer neuen ganzen verputzt werden soll. Und die aus der Wand stehenden Wasserrohre. Was ist damit?


Der destruktive Charakter ist gar nicht daran interessiert, verstanden zu werden. Bemühungen in dieser Richtung betrachtet er als oberflächlich. Das Mißverstandenwerden kann ihm nichts anhaben. Im Gegenteil, er fordert es heraus, wie die Orakel, diese destruktiven Staatseinrichtungen, es herausgefordert haben. Das kleinbürgerlichste aller Phänomene, der Klatsch, kommt nur zustande, weil die Leute nicht mißverstanden werden wollen. Der destruktive Charakter läßt sich mißverstehen; er fördert den Klatsch nicht.


Da ich nicht im Sinn von wegputzen vorhatte, aufzuräumen, glaube ich, der Parole des destruktiven Charakters gefolgt zu sein. Aber ich nenne das Fortschritt.

Der destruktive Charakter lebt nicht aus dem Gefühl, daß das Leben lebenswert sei, sondern daß der Selbstmord die Mühe nicht lohnt.

Vielleicht ist das auch die Tragik.

Dienstag, 20. März 2012

Wuppertal 7: Köln

Die einen schauen ins Buch die anderen ins Kreuz

Ein Philosoph dessen Zug Verspätung hat, bemerkt, dass der Bahnhof hier seit 50 Jahren, „einem halben Jahrhundert“, wie er sagt, nicht mehr erneuert worden ist. Und dass hier überhaupt alle Bahnhöfe veraltet seien. Neue Bahnhöfe gäbe es in Berlin, aber hier nicht. Auch das deutsche Schienennetz sei überhaupt nicht gemacht für diese Auslastung. Kein Wunder dass sich alle Züge hier immer verspäten. Bevor der um 25 Minuten verspätete Zug ankommt, sagt er noch, dass er eigentlich lieber mit dem Zug reist als im Flugzeug.

Auf den Nummernschildern der Autos von Wuppertaler/innen steht das nicht ganz so vertraute aber doch heimische „W“. Die Autos der Kölner/innen haben das noch heimischere „K“ am Nummernschild.

Ein unhöflicher Taxifahrer am Flughafen fragt mich, warum ich die Strecke nicht zu Fuß gehe. Er fragt, ob ich mit dem Flugzeug gekommen bin. Ich sage, dass ich nicht mit dem Flugzeug angekommen bin, sondern mit der Bahn, nicht mit dem Zug sage ich, sondern mit der Bahn in Köln angekommen und dass ich nur die Adresse des Hotels weiß und nicht, wie ich dorthin komme, weil ich mich hier nicht auskenne. „Ja, das sieht man“, sagt er.

Spätere ärgere ich mich, dass ich ihm Trinkgeld gegeben habe. Google Maps hat mir im Wuppertaler Hotel fünf Kilometer Fußwegdistanz berechnet. Entschieden zu weit.

Kölner Dom, Kölner Hauptbahnhof, Kölner vierspurige Autostraße, alles gemeinsam an, fast auf einem Punkt. Viele Menschen, sonnig, viel zu hell, viel zu warm. Ich trage einen schweren Rucksack und eine Jacke, die ich nur ungern ausziehe.


Ich fotographiere drei Japanerinnen, die mich darum bitten, vor dem Dom.


Am Abend werde ich in einem Restaurant alleine mit der Kellnerin sibirische Pelmeni mit Hackfleisch essen. Am Weg dorthin: Wohnhäuser mit Garagen und gepflegten Gärten. Viele haben das Licht an, wenige haben Vorhänge zugezogen. In den Häusern Menschen in Küchen beim Kochen, flackernde Fernsehapparate (weitgehend Werbung). Ein Haus scheinbar Student(/?)innen-WG, alle Fenster mit irgendwas behangen: Schuhen, Girlanden, Weihnachtsdekoration. Im Küchenfenster zwei Studentinnen (?) die herumhüpfen und singen (?).

Im Dom in Köln ist es weniger heiß und dunkel. Vier Jahre lang war der Dom das höchste Gebäude der Welt. Wenn man durch die Pforten … ja, wenn man durch die Pforten ... Diese Pforten sind verziert mit dutzenden kleiner Figuren, alle als Stein gehauen. Schon bevor man durch die Pforte geht, hat man den Kopf nach oben geneigt, um diese Verzierungen anzuschauen. Und am Boden sitzen Punks und Bettler, die nach Kleingeld fragen oder auch nur einen Becher etc. aufgestellt haben. Ich frage mich, wer die am Boden Hockenden sehen soll, wenn alle nur nach oben schauen. Und wenn man durch die Pforten eintritt, sieht man, wie hoch der Dom innen ist: Zwei Reihen hoher gotischer Säulen, die aufeinander stehen. Unten Säulengang, oben Fenster.

Eine spürbare Halsverrenkung, als ich den Dom wieder verlasse, die mich, wie auch das K an den Nummernschildern, wieder an den Riss in K denken lässt.

Nur Hochformat-Fotos

Montag, 19. März 2012

Wuppertal 6: Antworten

Frühstücksradio Wuppertal spielt Lady Gaga und Michael Jackson, wohl ist heute ein Tag an dem viele Gäste abreisen. Die Zimmertüren im Gang des dritten Stocks stehen alle offen.

Am Abend beim Essen meine unphilosophische Frage, warum Wuppertal so kaputt aussieht / Bemerkungen über die Fahrt nach Westende. Mir wird die unphilosophische Antwort gegeben, dass Wuppertal eine der ärmeren Städte in Deutschland ist.

Nach etwa einer Stunde ging dem Restaurant das Bier aus.

Samstag, 17. März 2012

Wuppertal 5: Ich und die Nacht

Radio Wuppertal spielt zum Frühstück wieder Faithless (I can't get no sleep). Trotz einer recht weichen Matratze und einem Zimmer mit Fenster, das direkt auf die Schwebebahnstation blicken lässt, von der aus man den kürzesten Weg zum Bahnhof hat, ist mein Schlaf beruhigt monoton.

Nachtrag: Weil es dazu keine Fotos von mir gibt, folgender Linktipp zur dreiteiligen Fotoserie It always rains in Wuppertal

Wuppertal 4: Essen an der Bergischen U.

Die Mensa der Uni Wuppertal befindet sich im Gebäude ME. Vom Zugang zu ME aus hat man eine nette Aussicht, aber wo ist die Mensa? Ich sehe den Eingang zu einer Kneipe namens „Kneipe“. Eine Runde um das Gebäude, ich finde nichts anderes: Die Kneipe muss wohl die Mensa sein.


Darin bin ich bin verwirrt. Drei von geschätzten 40 Tische sind besetzt. Besonders groß ist sie nicht, die Kneipenmensa, aber besonders viele Leute sind schließlich auch nicht hier. Radio Wuppertal spielt Punk-Rock, Techno und Nachrichten. Die Dame an der Theke telefoniert gerade und ruft einen jungen Koch mit charakteristischer Kochmütze aus der Küche, vielleicht ist er auch verwirrt. Ich bestelle zum Trinken eine Multivitaminschorle, was er nicht versteht; „Multischorle“ hätte ich sagen sollen. Ich frage ihn, wie ich etwas zu Essen bestellen kann und er meint, dass ich das an der Theke sage. Und ich frage, wie ich das Essen dann bekomme und er meint, dass ich das Essen bezahle und einen Pager bekomme, den ich mit an den Tisch nehmen soll. Wenn das Essen fertig ist und der Teller von ihm auf ein beleuchtetes Podest an der Theke gestellt wir, dann vibriert der Pager und ich soll wieder zur Theke kommen. Unsagbar kompliziert, aber billiger als in Klagenfurt.
Das Podest ist solange unbeleuchtet, bis ein Teller darauf gestellt wird. Und wenn es soweit ist, dann blinkt und vibriert mein Pager. Der Teller mit Essen steht am Podest wie Dieter Bohlen (der steht ja auf beleuchteten Podesten, oder?).

Guten Appetit